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Um es gleich zu Beginn klar zu stellen: Psychopharmaka werden im Heim grundsätzlich nur aufgrund ärztlicher Verordnung gegeben. Doch für eine Pflegekraft ist es nicht schwer, einen Hausarzt von der Notwendigkeit der Gabe von Psychopharmaka zu überzeugen. Da hilft auch der Grundsatz nichts, dass Ärzte verpflichtet sind, Neuroleptika bei Demenzerkrankten nur dann einzusetzen, wenn es nicht anders geht. Unabhängig davon gilt der Grundsatz, dass die Gabe so kurz wie möglich sein sollte.

Doch aus dem aktuellen Pflege-Report 2017 geht hervor, dass dies ganz und gar nicht der Fall ist.

43 % der demenzerkrankten Heimbewohner erhalten mindestens ein Neuroleptikum, das sie dauerhaft einnehmen sollen. Es handelt sich dabei um Medikamente gegen krankhafte Wahnvorstellungen. Bei Demenz sind aber nur ganz wenige Mittel zur Behandlung von Wahnvorstellungen zugelassen. Zudem sollen diese nur für eine kurze Therapiedauer von maximal sechs Wochen verabreicht werden.
64 % der betroffenen Heimbewohner in Deutschland erhalten die Neuroleptika aber länger als ein Jahr, ohne dass dies erforderlich wäre.
Der Nutzen der Neuroleptikagabe ist nicht groß. Die Nebenwirkungen und Risiken, die diese Medikamente durch die Dauergabe verursachen, sind aber erheblich. Dazu gehören bspw. Gangstörungen und ein erhöhtes Sturzrisiko, Thrombosen, Schlaganfälle sowie eine eingeschränkte geistige Leistungsfähigkeit.

Im Vergleich mit anderen Ländern schneidet Deutschland schlecht ab: in Schweden erhalten nur 12 %, in Frankreich 27 % und in Finnland 30 % der demenzerkankten Heimbewohner Neuroleptika.

Erstaunlich sind auch die Ergebnisse bzgl. der Haltung der Pflegekräfte: 82 % der Pflegekräfte halten die hohe Verordnungsrate für angemessen und 84 % der Pflegekräfte wirken sogar aktiv darauf hin, dass der behandelnde Arzt Psychopharmaka verordnet.

Dabei gibt es auch nicht-medikamentöse Interventionsmaßnahmen, wie etwa Validation, Basale Stimulation, Biografiearbeit, Fallbesprechung und Bewegungsförderung, die Unruhezustände und herausforderndes Verhalten von Demenzerkrankten positiv beeinflussen können. Aber 56 % der Pflegekräfte geben an, dass Zeitdruck dazu führe, dass diese Methoden nicht eingesetzt würden.

Der internationale Vergleich und einige Leuchtturmprojekte in Deutschland zeigen jedoch, dass Versorgungsdefizite bei Demenzerkrankten nicht nur mit zu wenig Geld und Personal begründet werden können. Hier spiele auch eine Frage des Wollens, der Haltung und der pflegerischen Betreuungskultur eine erhebliche Rolle.

Hinweis: Der Pflege-Report 2017 kann unter dem nachfolgenden Link bestellt werden: Pflege-Report 2017: Schwerpunkt: Die Versorgung der Pflegebedürftigen

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